Zeit für die wirkliche Krise

Nachdem ich den Dokumentarfilm David Attenborough: Ein Leben auf unserem Planeten gesehen hatte, kam mir für einen Moment ein starker Straussengedanke: ‘Warum muss ich gerade jetzt in der Zeit der schmelzenden Gletscher und Pole leben? Angesichts der Tatsache, dass wir als Menschheit schon seit über 200.000 Jahren hier sind, waren die Chancen eher gering, dass dies in meinem hundertsten Jahrtausend geschehen müsste. Leider ist es so. Darüber hinaus waren auch die Chancen gering, dass ich von all den Millionen, die ich als die siegreiche Samenzelle herausstellte, sogar noch viel geringer. Und es ist mir gelungen. Lieber ein Leben mit schmelzenden Hauben als kein Leben.

Trotzdem hatte ich seit meiner Kindheit Bauchschmerzen wegen des Klimaproblems, und genau aus diesem Grund habe ich voller Mut ein Studium der Biologie und dann der Umweltwissenschaften begonnen. Um die Welt zu retten. Das schien mir ein guter Plan zu sein. Leider wurde ich bald im biologischen Zentrum gestört. Jeden Morgen radelte ich sieben Kilometer aus der Stadt hinaus, um zwölf Stunden später mit den Augenringen durch die Kombination von Schlafen und durch ein Mikroskop starren nach Hause zu kommen. Ich habe die Drosophila zu Tode studiert, ohne ein einziges Wort mit Gleichaltrigen gewechselt zu haben. Nach etwa acht Monaten stellte sich heraus, dass ich eine verwelkte Pflanze ohne Wasser war. Eindeutig ein Fall von “nicht aus dem richtigen Holz geschnitzt” und dennoch für Menschen besser geeignet als für Mikroskope. Sie sagen etwas zurück. Idealismus ist schön, aber mit Pragmatismus überlebt man besser. Leider wurden die Bauchschmerzen wegen des Klimaproblems nicht weniger, und ausserdem sass ich nun auf den Vorlesungsbänken mit Studenten, die gekommen waren, um “Menschen zu retten”, anstatt die Erde. Es versteht sich von selbst, dass wir als Ärzte unser Bestes für unsere Patienten tun, aber das Ziel ist – besonders wenn man in der Onkologie tätig ist – das beste Rezept für einen schnellen Burnout. Darüber hinaus führt ein solch unrealistisches Ziel in der Praxis oft zu einer Überbehandlung durch Ärzte, die nicht akzeptieren können, dass es nicht immer klappen wird. Patienten verstehen dies manchmal besser als Ärzte.

Zudem scheinen wir im Jahr 2020 nicht mehr die Retter des Menschen an sich zu sein, sondern zunehmend auch Verschmutzer und Energiefresser. Nur ein Realitätscheck: Als Ärzte produzieren wir heute mit unserem Energieverbrauch 6 bis 7 Prozent der gesamten CO2-Produktion. Selbst als Chirurg sollte ich mich schämen, wenn Sie sich anschauen, was ich nach einer kleinen Operation im Dreck zurücklasse: drei Müllsäcke voll unverdaulichem Plastikmüll.

Die Bedrohung durch die aktuelle Pandemiekrise steht in keinem Verhältnis zur Klimakrise. Es lenkt uns von dem ab, worum es wirklich geht. Wir als Ärzte sollten zeigen, dass wir es sind, die die Versorgung nachhaltig machen können. In unserem Leitbild heißt es, dass wir die Gesundheit des Einzelnen und der Gesellschaft fördern müssen, aber jetzt scheint es, dass wir uns negativ darauf auswirken.

Auch aus diesem Grund wird die Umweltplattform für den Pflegebereich Ende November 2020 der KNMG und dem Unterhaus des Parlaments ein Manifest vorlegen. Wir appellieren an die Verwaltung und die anderen Angehörigen der Gesundheitsberufe, darauf zu achten, ihr Krankenhaus, ihre Gesundheitseinrichtung oder ihre Praxis nachhaltiger zu gestalten.

Wenn Sie glauben, dass es Unsinn ist und Sie an dem Virus festhängen, denken Sie an all die Sprachrohre, die gerade jetzt auf unseren Ozeanen schweben, und werfen Sie heute Abend einen Blick auf David Attenborough: Ein Leben auf unserem Planeten. Dann haben Sie die Proportionen wieder genauso scharf.

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